Google Street View als harte Einstiegsdroge

Ein Kommentator zum Zeit-Artikel "Wie ich lernte, Street View zu lieben" bringt die Sache ziemlich auf den Punkt.

 

Er schreibt:

"Wir verlieren die Kontrolle

Ich verstehe durchaus die Faszination, die Google Street View auf viele Menschen ausübt. Aber Google ist kein Wohltäter sondern ein kommerzielles Unternehmen, dass ausschließlich auf Gewinn ausgerichtet ist.

Darum hier meine Erfahrungen mit einem anderen Google Projekt - Google Earth View.

Ich war auch fasziniert als ich erstmals meine Wohnhausanlage von oben betrachten konnte. Ja, sogar meinen neuen Sonnenschirm auf der Dachterrasse konnte ich sehen. Nachdem dann mein Kellerabteil aufgebrochen und daraus ein teures Fahrrad gestohlen wurde, sah ich das ganze schon etwas kritischer; man muss es Einbrechern ja nicht unbedingt leichter machen, daher veranlasste ich die Löschung bei Google.

Übertriebene Vorsicht?

Das Haus ist jetzt nicht mehr zu sehen, nur Google Earth View Professional arbeitet mit anderem (neuerem) Kartenmaterial - ob das dort auch so ist - ich kann es nicht mehr kontrollieren dazu müsste ich eine Lizenz erwerben - Kostenpunkt 399 US$.

Ich gehe jede Wette ein, dass es bald auch ein Google Street View Professional geben wird!

Wir verlieren die Kontrolle, das ist das Grundproblem bei diesen Google Projekten!"

Google aktualisiert seine Bilder nicht ständig. Daher klingen die Einwände, die sich auf die Wahrung der Privatspäre beziehen, ersteinmal ziemlich schwach. Was aber mit Street View passiert, ist der Einstieg in die flächendeckende Video-Überwachung. Die Akzeptanz der Bevölkerung wird erst mal erhöht, ein Nutzen für alle suggeriert. Aber worin besteht denn dieser Nutzen dann, wenn die Bilder fünf, sechs, zehn Jahre alt sind? Finde ich Adressen tatsächlich schneller mit Street View, oder gebe ich nur Verstand und Aufmerksamkeit an eine neue Technologie ab, lasse mich blenden von der Dienstbarkeit der digitalen Geister?

Es gibt ja schon wahrlich genug Leute, die mit der Nutzung von Navis überfordert sind, und dann beispielsweise in einem U-Bahnhof enden, oder sich mit ihrem Sattelzug in einem Wendehammer festfahren.

Es wäre eben "ganz witzig" Street View zu haben, genauso wie es "ganz witzig" sein kann, seine alte Schule via Google Earth zu betrachten. Damit hat sich die Sache aber auch schon, es sei denn ich spekuliere auf die voyeuristischen Möglichkeiten von Googles Kameras in 2,90m Höhe, oder bin Chef einer Personalabteilung oder Vermieter, und gewinne meinen ersten Eindruck vom Bewerber durch seine momentane Wohnlage. Wir Menschen sind Augenwesen, Kleider machen Leute, macht die geographische Herkunft demnächst unsern Erfolg/Mißerfolg aus? Gerade bei der gegenwärtig stärker werdenden Gentrifizierung und Segregation, also der Aufspaltung in arme und reiche Wohngebiete, darf man den Einfluss der neuen Medien nicht ausser Acht lassen.

Weiterhin, die BA schafft den gläsernen Erwerbslosen, bald soll mittels Chipkarte das Aufzuchtverhalten von Hartz-IV Eltern erforscht und kontrolliert werden, die Mitgliedsstaaten der EU verschenken SWIFT Daten an die Amis, die Amis selbst spionieren ihre Bürger aus, die Briten lassen die Nummernschilder von Fahrzeugen automatisch auslesen (das BVerfG hat das in Deutschland verboten) und Google, ja Google kauft unbemannte Flugobjekte, Drohnen, von dem deutschen Unternehmen "MicroDrones". Und dann wird die Sache wieder interessanter. Wie oben vom Zeitartikelkommentator erwähnt, gibt es für "Earth" ein Premiumpaket. Wenn Google nun Drohnen einsetzen würde, könnten sie demnächst, also in naher Zukunft, zuerst von den wichtigen, großen Städten Bilder in Echtzeit liefern, ohne die bereits vorhandenen Kameras in Kaufhäusern und Bahnhöfen, Bushaltestellen, der Reeperbahn, und, wie in England, ganz normalen Strassen anzuzapfen. Wer dann genug bezahlt, der kann auch exklusiv Bilder von anderen Orten bekommen, ohne einen Satelliten bemühen zu müssen.

Normalisierung der Überwachung

In einem lesenswerten Beitrag für das "Journal of Contemporary European Research" schreiben David Wood und William Webster von der Normalisierung der Überwachung in Europa und dem schlechten Beispiel, mit dem die Briten vorangehen (Murakami Wood, D. and Webster, C.W.R. (2009). ‘Living in Surveillance Societies: The Normalisation of Surveillance in Europe and the Threat of Britain’s Bad Example’, Journal of Contemporary European Research. 5 (2), pp. 259-273.).

Unter dem Stichwort: "Security is coming home" gehen sie auf den Technologietransfer von militärischer Überwachungsausrüstung und Infrastruktur auf den zivilen Bereich, hier insbesondere in Städten und in der Regierungstätigkeit, e-government, ein. Ausnahmezustände werden zu Normalzuständen, so z.B. die Videoüberwachung der Reeperbahn, die zwar mehr Sicherheit vortäuscht, dieses Versprechen aber nicht einhält, oder der Fall der CCTV (Closed Circuit Televison) auf der britischen Insel. CCTV reihte sich bald ein in den Reigen der "Reality TV Shows", nur, dass es eben noch ein bisschen reeller war als beispielsweise BigBrother. Die BigBrother-Mitläufer waren Exhibitionisten, Menschen, die sich nicht schämten ihre Langweiligkeit öffentlich zu machen. CCTV und andere Überwachungseinrichtungen dagegen filmen Menschen, die eigentlich gar nicht gefilmt werden wollen und sich allzu oft dessen auch nicht bewusst sind.

Überwachung gesellschaftfähig machen

Es geht hier nicht primär darum, Überwachung einzuführen – sie ist schon da. Es geht jetzt darum, sie, vor allem die Videoüberwachung, auch gesellschaftsfähig zu machen, den Bürger endlich an die harten, offensichtlichen, fassbaren, sichtbaren Sachen zu gewöhnen, d.h. dafür zu sorgen, dass es niemanden mehr aufregt, wenn eine Google-Drohne ihn beim pinkeln im Garten oder beim Kleben von Wahlplakaten filmt, die CIA oder BND oder BKA seine Kreditkartenabrechnung studieren, wer wo sein digitales Kreuz macht bei einer Wahl oder einem Bürgerentscheid, wer wann und warum krank wird und zu welchem Arzt er/sie geht, oder wer wann wen besucht und warum. Die einen Daten (Kreditkartendaten, Überweisungen, Bewegungsprofile vom Handy, Bonusmeilenkarten und andere Rabattkarten, Kartenmaterial, Internetanschluss, Stromrechnung/-verbrauch) werden von den Privaten vorgehalten, die anderen (welches Auto man seit wann fährt, Arztbesuche, Arbeitsbeziehungen, Ausbildungszeiten, Wohnort, Geburtsdatum, Wohnortwechsel, Heirat, Geburt, Scheidung, Einkommen, Verfehlungen im Strassenverkehr) hat, noch, der Staat. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis auch im Überwachungssektor ein offizielles "Public-Private-Partnership" verkündet wird, die Zusammenlegung sämtlicher Datenbanken.

Allerdings: Eigentlich dient das Ganze ja nur unserer Sicherheit vor terroristischen Angriffen, unserer Information, dem Bürokratieabbau, der Effizienz, und nicht zuletzt dem wirtschaftlichen Interesse, dem Wachstum, von dem wir doch letztlich alle profitieren. Eigentlich ist die Überwachungsgesellschaft dann doch eine Win-Win Situation, oder nicht?

Update, 30.03.2016: Links überprüft/aktualisiert.

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