Die Agenda 21 als Projekt einer reflexiven Modernisierung

Der folgende Text wurde für ein Seminar zu „Postmodernen Ansätzen in Konzepten der Sozialökologie“ im Jahr 2004 verfasst.

„Der Mensch hat die Fähigkeit, vorauszublicken und vorzusorgen verloren. Er wird am Ende die Erde zerstören.“ 1). Dieses Zitat von Albert Schweitzer beschreibt, wie ich finde, sehr gut die Lösungsversuche, die jetzt unternommen werden, um eine sich seit Jahrzehnten abzeichnende Entwicklung aufzuhalten. Die Rede ist von der sich beständig vergrößernden Kluft zwischen Nord und Süd, Arm und Reich, und nicht zuletzt von der ökologischen Krise, jener unheimlichen Kraft die uns sauren Regen, Verringerung der Biodiversifizität, die Abholzung der Regenwälder, das Ozonloch, fortschreitende Desertifikation und viele andere ungewollte Modifikationen unserer Umwelt beschert hat und auch in absehbarer Zukunft weiterhin bescheren wird. Ein erstes Erkennen dieser Krise begann Anfang der 70er Jahre, mit dem ersten Bericht des Rates des Club of Rome „The limits to growth“ 2), in dem erstmals der Fortschritt unserer Industriegesellschaft, das undifferenzierte, rein quantitativ angelegte Wirtschaftswachstum sowie die zunehmende Vorherrschaft materieller Werte in der Gesellschaft für die Krise verantwortlich gemacht wurden. In den darauffolgenden Jahren war die Welt bis 1987 wieder überwiegend mit ökonomischen Problemen beschäftigt, insbesondere die Ölkrisen 1973 und 1980 beanspruchten die Aufmerksamkeit sowohl der Regierungen als auch vielmehr die der Unternehmen. Bhopal, Tschernobyl und der 1987 erschienene Brundtland-Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ 3) lenkten das Augenmerk wieder auf die sich ihren Weg bahnende ökologische Krise, erstmals wurde von der Notwendigkeit einer „dauerhaften Entwicklung“ gesprochen. Durchsetzen konnte sich der Ausdruck „dauerhaft“ damals nicht, da er für Viele zu sehr die Erhaltung des Status quo in den Vordergrund rückte und zu wenig die ökologische Dimension betonte.

Die Zeit des politischen Umbruchs anfangs der 90er Jahre, die sich daraus ergebenden Möglichkeiten politischer Neuordnung und wirtschaftlicher Entwicklung für die Einen, wirtschaftlicher Expansion für die Anderen, ließen aber auch diesen Report eher als Randnotiz denn als dringenden Handlungsauftrag erscheinen. Auf der innenpolitischen Tagesordnung genossen weiterhin die „Standardthemen“ Arbeitsmarkt, Sozial-und Rentenreform/-abbau oberste Priorität 4), auf der außenpolitischen Agenda ist der Krieg gegen den Terror, gegen Diktatoren und andere Feinde der polyarchen/oligarchen Demokratie bzw. der Kampf um nicht-erneuerbare Ressourcen voll entbrannt. 1992 dann verabschiedeten die Regierungen der Welt in Rio de Janeiro ein Aktionsprogramm, das endlich die uns bevorstehenden zukünftigen Aufgaben in konkrete Handlungsvorschläge faßte: die Agenda 21. Mit der Übersetzung der A21 wurde der Terminus der „nachhaltigen Entwicklung“ in Deutschland in den politischen, wenig später auch in den gesamtgesellschaftlichen Sprachgebrauch eingeführt, obwohl nachhaltiges Wirtschaften in der deutschen Fortwirtschaft schon seit längerem bekannt ist 5), und zur Leitidee eines dauerhaft tragfähigen Entwicklungspfades erkoren. Mittlerweile existiert kaum ein gesellschaftliches oder politisches Gebiet, in dem nicht von „Nachhaltigkeit“ bzw. „nachhaltiger Entwicklung“ gesprochen wird. Interessant herauszufinden wäre nun, in welchem ideengeschichtlichen Kontext sich nachhaltige Entwicklung tatsächlich befindet, wer die treibenden Kräfte dieses Projekts sind, und ob es ein Leitbild ist, das fähig und in der Lage ist, die Ursachen von ökologischer Krise und Nord-Süd Gefälle zu erkennen, mehr noch, einen Ausweg aus der ökologischen Krise zu weisen und dazu allen Lebewesen auf der Erde ein ihren Bedürfnissen angemessenes Auskommen zu sichern.

In dieser Arbeit wird die A21 als Referenzdokument zum normativen Leitbild von sustainable development gesehen. Es wird versucht zu zeigen, daß sie größtenteils ein Konzept der reflexiven Moderne ist.

Weitgehend unbestritten ist, daß die Ursachen für Naturzerstörung und Armut im Vorhandensein moderner Strukturen liegen. Für Max Weber sind die Kennzeichen einer modernen Gesellschaft Rationalisierung, Säkularisierung, Individualisierung und Bürokratisierung; analog dazu sind nach Giddens wesentliche Strukturmerkmale der Moderne „Kapitalismus, Industrialismus, Überwachung […]“ 6). Weitergehend soll hier unter Moderne eine auf Vernunft und Fortschritt basierende gesamtgesellschaftliche Grundeinstellung verstanden werden. Ausdruck der Vernunft ist dabei eine rational betriebene Wissenschaft, der es grundsätzlich möglich ist, sichere Erkenntnis über die uns umgebende Umwelt zu erhalten, und dadurch wesentlich zum Fortschritt der Menschheit beizutragen.

Ausgehend von diesen Charakterisierungen moderner Gesellschaften existieren nun zwei wesentliche Grundpositionen, nach denen eine Ursachenanalyse, sowie ein Aufzeigen von Lösungsstrategien möglich ist 7). Dies ist zum einen die These eines Mangels an Moderne, zu deren Vertretern u.a. der Philosophie Professor Klaus-Michael Meyer-Abich zählt, zum anderen die der reflexiven oder auch zweiten Moderne, eine Idee des Soziologen Ulrich Beck, die allerdings beide keinen expliziten Bezug auf den Diskurs der nachhaltigen Entwicklung nehmen.

Mangel an Moderne

Meyer-Abich zufolge herrscht in der Moderne eine anthropozentrische Sichtweise vor, die der Natur nur einen instrumentellen Wert zuerkennt. Er begreift die Moderne als eine unvollständig aufgeklärte Aufklärung, die in einem ersten Schritt zwar eine „gemeinsame Verantwortung in einem Teil der Welt immerhin bis zu der des modernen Rechtsstaats entwickelt […]“ hat, „freilich nur in vielen souveränen Einheiten“ 8). Aber diese Verantwortung beschränkt sich nur auf den Menschen selbst, nicht auf dessen Umwelt. Er fordert darum einen „Aufstand für die Natur“, auf „daß die weitergehende Gemeinsamkeit entsteht, ohne die wir der Verantwortung für das globale, längst über einzelstaatliche Organisation hinausreichende Handeln der Industrieländer nicht gerecht werden“, mit dem Ziel, einen „Frieden mit der Natur“ zu schließen 9). Der „Frieden mit der Natur“ wäre also eine physiozentrische Weiterentwicklung unseres Weltbildes, eine Vollendung bzw. Expansion des modernen Projekts Aufklärung. Am Beispiel Wissenschaft ließe sich diese These folgendermaßen verdeutlichen: Wissenschaft untersucht im Prozeß einfacher Modernisierung nur außerhalb ihrer selbst stehende Objekte, erkennt deren Mängel und versucht sie zu verbessern, das heißt sie zu modernisieren. Meyer-Abich sieht demnach die ökologische Krise nicht als ein grundlegendes Strukturproblem des vorherrschenden modern-ökonomischen System, sondern lediglich als eine Begleiterscheinung auf dem Weg zu einer noch moderneren, aufgeklärteren, technologisch-wissenschaftlich aufgerüsteten und vollständig transparenten, d.h. durchschaubaren Welt(-gesellschaft).

Wenn Ineffizienz und Verschwendung durch eine einfache Modernisierung behoben werden würden, wenn insbesondere die weniger entwickelten Nationen dieser Welt sich einer Aufklärung durch die spezifisch okzidentale Art der Wissenschaft 10) unterziehen würden, dann könnten ökologische Krisentendenzen aufgehalten, vermieden und auf ein minimales Maß zurückgeschraubt werden. Mit anderen Worten: Ein Mehr an Moderne würde die ökologische Krise verhindern (vgl. Abb.:1). Abb.1: Mangel an Moderne und reflexive Moderne

Reflexive Moderne

Demgegenüber steht die These einer zweiten oder reflexiven Moderne, die auf Ulrich Beck zurückgeht. Beck ist der Ansicht, daß der „[…] Modernisierungsprozeß 11)) die in die Industriegesellschaft eingebauten Lebensformen enttraditionalisiert.“ 12), und die Lebens- und Arbeitsformen der entwickelten Industriegesellschaft aufgelöst werden 13). Dementsprechend läßt auch die Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit nach, da Wissenschaft und Technik im Verlauf dieses Prozesses nicht nur mit ihren Erfolgen, sondern auch mit ihren Mißerfolgen konfrontiert werden. „Wissenschaft wird (Mit)Ursache, Definitionsmedium und Lösungsquelle von Risiken“ 14), trifft also auf eine selbst generierte „zweite zivilisatorische Schöpfung“15).

Der Siegeszug des Industriesystems läßt die, im modernen Dualismus formulierten, „Grenzen von Natur und Gesellschaft verschwimmen“.

„Entsprechend können auch die Naturzerstörungen nicht länger auf die „Umwelt“ abgewälzt werden, sondern werden mit ihrer industriellen Universalisierung zu systemimmanenten sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Widersprüchen“ 16).

Um diese Widersprüche auflösen zu können, muß sich Wissenschaft auf sich selbst beziehen, von dem, nur auf außerhalb ihrer selbst stehende Objekte fokussierten, Standpunkt abweichen, und sich selbst zum Gegenstand ihres Erkenntnisinteresses machen. Sie muß also eine reflexive Verwissenschaftlichung betreiben 17).

Mittlerweile ist Natur

„unterworfen und vernutzt […] und damit von einem Außen-zu einem Innen-, von einem vorgegeben zu einem hergestellten Phänomen geworden. […] Konsum-und Marktabhängigkeit bedeutet nun auch wieder in neuer Weise „Natur“abhängigkeit […].“ 18).

Damit befinden wir uns wieder in der vormodernen Epoche, in der eine einfache Verwissenschaftlichung zu betreiben war, um die Natur zu erkennen und zu beherrschen und sie sich, nach alttestamentarischer Auslegung, untertan zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, und eine (Wieder-)Verselbstständigung von Natur zu verhindern, muß die Moderne sich selbst auf den neuesten Stand bringen, sie muß sich selbst modernisieren 19). Bezogen auf die Leitidee sustainable development bedeutet das nun, daß zwar erkannt wird, daß die Dynamiken moderner Entwicklungsprozesse ökologische Krisentendenzen produzieren, aber gleichzeitig davon ausgegangen wird, daß eben diese Dynamiken, in Form von nachhaltiger Entwicklung, fähig sind, die Folgeschäden zu kompensieren, das Projekt der Moderne also als zweite oder reflexive Moderne fort zu führen (vgl. Abb.:1).

Im folgenden wird nun die These der zweiten Moderne auf die A21 angewandt. Exemplarisch wird an einigen Beispielen gezeigt, daß es sich bei der A21 überwiegend um ein Konzept eben dieser zweiten Moderne handelt.

Die A21 ist das Abschlußdokument der weltweit ersten Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung. Sie muß also mit Recht als das derzeit wichtigste Aktionsprogramm für eine globale Umwelt-und Entwicklungspolitik bezeichnet werden, schon allein auf Grund ihrer Vorstellunge in der Präambel als „Ausdruck eines globalen Konsenses und einer politischen Verpflichtung auf höchster Ebene zur Zusammenarbeit im Bereich von Entwicklung und Umwelt“ 20). Einige Zeilen weiter oben fällt auf, daß die Nationen der Welt gewillt sind, das Projekt der Moderne unbeirrt fortzusetzen, wenn sie von einer „Verbesserung des Lebensstandards“ und einer besseren „Bewirtschaftung der Ökosysteme“ 21) als Ausdruck des Fortschritts sprechen, bzw. bereits im Vorwort betont wird, daß die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen sichergestellt werden soll 22). Ebenfalls im Vorwort springt eines der von Giddens getroffenen Charakteristika moderner Gesellschaften ins Auge: die „Überwachung zur Umsetzung“. Es wird den Nationen der Welt also nicht einmal zugetraut, die Probleme selbst zu erkennen und eigene Lösungswege zu finden. Vielleicht weil der von der A21 eingeschlagene Weg nicht der „Königsweg“ ist, sondern eher zur weiteren Festigung der jetzigen Herrschaftsstrukturen dient. Immerhin sind die Industrienationen diejenigen, die die zur Umsetzung erforderlichen technischen Ressourcen besitzen. Um den technologischen Fortschritt weiter zu verbreiten, wird eine globale Partnerschaft angestrebt, die sich auf die Einleitung der UN-GA RES/44/228 vom 22.12.1989 stützt, in der es heißt:

„[The General Assembly] stresses the need for effective international co-operation in the areas of research, development and application of environmentally sound technologies, Conscious of the crucial role of science and technology in the field of environmental protection and of the need of developing countries, in particular, for favourable access to environmentally sound technologies, processes, equipment and related research and expertise through international co-operation designed to further global efforts for environmental protection, including the use of innovative and effective means”.23)

Schon hier, drei Jahre vor der A21, wird also die entscheidende Rolle von Wissenschaft und Technik herausgehoben, ohne die eine wirkungsvolle Umweltpolitik offenbar nicht umzusetzen wäre. Gleichzeitig soll ein Wissenstransfer von Nord nach Süd stattfinden, in Form einer Kooperation, da die Entwicklungsländer offensichtlich den Sprung in die zweite Moderne noch nicht vollzogen haben, um die von der schon vorhandenen Moderne (in Industrie-und Entwicklungsländern) produzierten Probleme in eigen Regie zu lösen. Wie eine solche Kooperation aussehen kann, zeigt die sogenannte „grüne Revolution“, als deren Folge u.a. die in den Entwicklungsländern bestehenden Monokulturen durch den Einsatz moderner Chemikalien und Technik ausgeweitet und intensiviert wurden, ganz zu schweigen von der Ausrottung dem Land angepaßter Anbaumethoden. Die Weiterführung dieser „grünen Revolution“ bzw. der Kooperation zwischen Nord und Süd erhält jetzt durch multinationale Agrarkonzerne wie dem Marktführer Monsanto eine neue Dimension. Zwar besitzen die Hersteller bereits seit längerem Patente auf das von ihnen hergestellte Saatgut, das mittlerweile mit einem Letalgen versehen ist, um den Anbau von Filialgenerationen wirksam zu verhindern. Doch Monsanto bediente sich nicht nur im Genpool des traditonellen Weizenbestandes indischer Bauern, indem sie sich zwei Gene einer dort gezüchteten Weizensorte patentieren ließen, womit nun jeglicher Weizen mit diesen beiden Genen unter Patentschutz fällt, sondern zusätzlich wurde noch die gesamt Warenkette vom Acker bis zum Endprodukt miterfaßt 24).

Ein weiteres Beispiel für die Reflexivität moderner Lösungsstrategien findet sich in Kapitel 16, das auf die Rolle der „modernen Biotechnologie“ eingeht. Eine möglichst optimale Steigerung der Erträge soll durch die vielfältigere Nutzung der genetischen Ressourcen erreicht werden 25). In der intensiven Landwirtschaft wird diese Neuerung bereits sehnsüchtig erwartet, können doch durch genetisch veränderte Pflanzen erhebliche Mengen an teuren Pestiziden eingespart werden. Momentan muß der moderne Landwirt ca. sechs unterschiedliche Herbizide und bei akutem Befall noch verschiedene Insektizide auf seine Maiskultur aufbringen 26), um einen rentablen Ertrag zu haben. Mit dem Einbau eines salzresistenten Gens in die Maispflanze würde in Zukunft dieser Giftcocktail vermieden, es müßte nur noch ein grundwasserverträgliches Salz aufgebracht werden, das dann die „Unkräuter“ verätzt und dem veränderten Mais nichts ausmacht. Was vor 20 Jahren noch als Heilsbringer in der modernen Landwirtschaft galt, wird heute von denselben Institutionen durch wieder neue, bessere Produkte substituiert.

Problematisch sind aber nach wie vor die sich höchstens schemenhaft abzeichnenden Folgen des genetischen Umbaus für Flora und Fauna. Eine 2001 vom Institut für Bienenkunde 27) der Universität Jena durchgeführte Versuchsreihe mit im Labor lebenden Jungbienen ergab, daß rekombinierte Gene sogar in der Lage sind die Grenzen zu einer völlig anderen Spezies zu überspringen. Prof. Kaatz, damals Leiter des Instituts, fütterte in diesem Versuch die im Labor lebenden Bienen mit Pollen von genverändertem Raps, der zuvor von Freilandbienen auf einem Rapsfeld gesammelt und ihnen dann durch eine Pollenfalle abgenommen wurde. Bei der anschließenden Untersuchung der im Darm der Bienen lebenden Bakterien und Hefen konnte gezeigt werden, daß diese das rekombinierte Rapsgen in ihr Genom eingebaut hatten.

Auch kann der Einbau von Resistenzen gegenüber bestimmten Pestiziden zu ihrer vermehrten Anwendung führen. Der weltgrößte Agrarkonzern Monsanto bietet parallel zu seinem erfolgreichen Herbizid „Roundup“ jetzt auch die passende, das heißt resistente, Genmais Sorte „Roundup Ready“ an. Eine Ausweitung der Chemikalienanwendung scheint hier vorprogrammiert. „Roundup“ bedroht nach einer Studie des „U.S. Fish and Wildlife Service“ bereits jetzt 74 Pflanzenarten 28).

Laut Kapitel 19 der A21, dessen Überschrift „umweltverträglicher Umgang mit toxischen Chemikalien“ bereits den von Beck angesprochenen Grenzwertirrsinn impliziert, resultiert diese Chemikalienbelastung jedoch nicht aus dem, zur „Verwirklichung der von der internationalen Staatengemeinschaft angestrebten sozialen und wirtschaftlichen Ziele“ 29) ohnehin erforderlichen, Einsatz erheblicher Mengen an Chemikalien, sondern schlicht aus Mangel an wissenschaftlichen Erkenntnissen, aufgrund einer unzureichend aufgeklärten Öffentlichkeit, die aber, um Unternehmensinteressen zu wahren, gar nicht umfassend aufgeklärt werden soll 30), sowie durch den internationalen Handel mit diesen Gefahrenstoffen, der sich zudem nicht an geltendes Recht hält. Immerhin wird aber erkannt, daß Chemikalien nicht an Ländergrenzen haltmachen. Um einer wachsenden Belastung mit gefährlichen Stoffen entgegen zu wirken, sollen nun erhebliche Investitionen in neue Technologien und vor allem in ein wirksames Management bzw. in eine intensivierte internationale Zusammenarbeit getätigt werden, um die chemischen und physikalischen Abläufe der Umwelt besser in die Entwicklung neuer, umweltschonenderer Chemikalien integrieren zu können. Anstatt einzusehen, daß Chemikalien nun einmal giftig und nicht umweltverträglich sind, sollen mehr und neue Chemikalien die Probleme lösen, die die alten verursacht haben.

Außerdem bemerkenswert in der A21 ist der fast schon naive Umgang mit gefährlichen Abfällen. Sie werden als eine Art unausweichliche Notwendigkeit, eine Plage angesehen, aus deren Wirkungskreis es kein Entrinnen gibt. Es finden sich drei Kapitel über den Umgang mit Abfällen, jedoch wird nur jeweils in Programmbereich A der Kapitel 20 und 21 explizit auf die Notwendigkeit von Abfallvermeidung hingewiesen 31), wobei Wissenschaft und Technik erneut die entscheidende Rolle zukommt. Hier wird besonders auch auf die Mithilfe der Industrie gesetzt, offenbar in dem Glauben, daß etwas anderes als Gewinnmaximierung in ihrem Interesse liegen könnte. In Kapitel 22, das den Umgang mit radioaktiven Abfällen beschreibt, fehlt ein Hinweis auf Vermeidung von radioaktivem Müll völlig, ebenso wie es kein Kapitel zur Förderung regenerativer Energien gibt.

Die A21 liest sich wie ein Brevier zur Effizienzsteigerung für die Vorstandsetage eines multinationalen Konzerns, von einem Ökonom verfaßt. Die Menschen, die die ökologische Krise aufhalten sollen heißen „Humankapital/-ressourcen“, die noch intakten Ökosysteme sind „Aktivposten“ bei der „rationellen Nutzung“ von anderen „lebenden Ressourcen“ zur „Steigerung der Produktivität der Umwelt“, die in die „ressourcen-und umweltökonomische Gesamtrechnung“ einbezogen werden. Und hier, vermute ich, liegt auch des Pudels Kern: Die A21 ist kein Projekt für eine gerechtere, sozialere Welt, in der es Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit für alle geben soll. Sie erkennt zwar die Hauptursache für Umweltzerstörung und Nord-Süd Konflikt in den Wirtschafts-und Konsumgewohnheiten des Nordens, gleichzeitig ist sie aber bemüht, diese Asymmetrie weiterhin aufrecht zuerhalten. Sie ist eigentlich ein Projekt des globalisierten Kapitalismus, dessen Epizentrum im Norden liegt, und der jetzt das dritte Gesicht der Macht entdeckt, nämlich neben der Durchsetzung eigener Macht und der Blockade fremder Machtansprüche, die Besetzung der auf dieser Welt vorherrschenden Themen nebst der zugehörigen Terminologie. Denn Macht über das Volk hat der, der weiß was es berührt, und zeitweilig ist jeder von uns schon einmal um unsere gemeinsame Zukunft, zumindest aber um unsere Natur besorgt gewesen.

Zudem machen die weitläufigen, teils schwammigen Formulierungen der A21 es den zur Handlung Aufgeforderten leicht, sich ihren eigenen Begriff der nachhaltigen Entwicklung zu schaffen. Nicht umsonst steht das Prinzip „nachhaltiges Wirtschaften“ insbesondere bei Unternehmen mittlerweile hoch im Kurs. Beispielsweise gibt es seit Kurzem den MBA-Studiengang „Sustainability Management“, der vom Centre for Sustainability Management der Universität Lüneburg angeboten wird 32). Der schweizerische Pharmakonzern Novartis unterhält die „Novartisfoundation for Sustainable Development“ (www.novartisfoundation.com), der BDI gründete im Juli 2000 das „Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft – Econsense“ (www.econsense.de), zahlreiche Fonds werben mit „nachhaltigem“ Investment in Unternehmen mit hoher Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Dazu kommt noch die starke Fixierung auf Wissenschaft und Technik als der zentralen Lösungsinstanz, die allesamt in den Händen privatwirtschaftlicher Akteure liegen. Es scheint fast so, als ob diese Akteure unmittelbar an der Verfassung mitgearbeitet hätten, um ihre Rolle festzuschreiben. So schön die Idee vom Wissenstransfer und der Kooperation von Nord und Süd auch klingen mag,

„only modest efforts have been made on the issue of technology transfer, on which governments routinely note their hands are tied because the relevant technology is owned by the private sector“ 33).

Vor diesem Hintergrund tun sich nun weitere Fragen auf, von denen die dringlichste wohl lautet: Wer sind die wahren Machthaber auf dieser Welt? Diese Frage kann und soll im Rahmen dieser Arbeit jedoch weder abschließend noch befriedigend beantwortet werden. Fest steht nur, daß die Zeit gegen uns arbeitet, die ökologische Krise sowie Nord-Süd Gefälle bearbeitet werden müssen, wenn wir nicht den Rest unserer Tage unter hermetisch abgeschirmten Glaskuppeln, von Soldaten und Mauern bewacht, verbringen wollen. Obwohl an beidem schon gearbeitet wird. Die Mauern gegen Flüchtlinge werden in Italien und Israel gebaut, die Glaskuppel, Biossphäre II, steht in Arizona.

  • Bachmann, Günther. 2002: „Nachhaltigkeit: Politik mit gesellschaftlicher Perspektive.“ Aus Politik und Zeitgeschichte. 31-32/2002, S. 8-16.
  • Beck, Ulrich. 2003: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • BMU -Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hg.). 1997: Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro,–Dokumente–, Agenda 21. Bonn: Köllen Druck + Verlag GmbH.
  • Conrad, Jobst. 1997: Nachhaltige Entwicklung – ein ökologisch modernisiertes Modell der Moderne? In: Brand, Karl-Werner (Hg.) 1997: Nachhaltige Entwicklung. Eine Herausforderung an die Soziologie. Opladen: Leske+Budrich. S.51-69.
  • Dingler, Johannes. 2003: Postmoderne und Nachhaltigkeit. Eine diskurstheoretische Analyse der sozialen Konstruktion von nachhaltiger Entwicklung. [2002, FU Berlin, Diss.]. München: Ökom.
  • Grober, Ulrich. 2002: „Konstruktives braucht Zeit.Über die langsame Entdeckung der Nachhaltigkeit.“ Aus Politik und Zeitgeschichte. B31-32/2002, S. 3-7.
  • Hauff, Volker (Hg.). 1987: Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtlandbericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Greven: Eggenkamp Verlag.
  • Lafferty, William M.; Meadowcroft, James. 2000: Implementing Sustainable Development. Strategies and Initiativs in High Consumption Societies. Oxford: Oxford University Press.
  • Löhr, Wolfgang. 2003: „Patentamt legalisiert Biopiraterie.“ TAZ, 24.Juli 2003, S.8.
  • Meadows, Donella H. et al. 1972: The Limits to growth. A report for the club of Rome's project on the predicament of mankind. London: Earth Island.
  • Meyer-Abich, Klaus-Michael. 1990: Frieden mit der Natur. S. 231-232. In: Gerhardt Heller (Hg.). 1995: Grundkurs Philosophie. Denken, Sprache, Wissenschaft. Band 3. München: Bayerischer Schulbuch-Verlag.
  • Praxis Pflanzenschutz, Experten geben Rat. 9. Ausgabe (29.01.2003): Beilage des landwirtschaftlichen Wochenblatts Westfalen-Lippe.
  • Rosset, Peter. 1999: „Why genetically altered food won't conquer hunger.“ NYT, 01.September 1999, S.23.
  • Schanz, H. 1996: Schriften aus dem Institut für Forstökonomie der Universität Freiburg, Band 4, Freiburg.
  • Weber, Max. 91988: Gesammelte Werke zur Religionssoziologie I. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).

Verwandte Artikel

1)
zit. nach: Grober 2002: 5
2)
Meadows 1972
3)
Hauff 1987
4)
vgl. Bachmann 2002
5)
vgl. Schanz 1996
6)
zit. nach: Conrad 1997: 53
7)
vgl. zu den folgenden Ausführungen: Dingler 2002: 395-397
8)
Meyer-Abich 1990: 232
9)
ibid.
10)
vgl. Weber 91988: 1ff.
11)
„Modernisierung meint die technologischen Rationalisierungsschübe und die Veränderung von Arbeit und Organisation […]. Üblicherweise wird zwischen Modernisierung und Industrialisierung unterschieden. Hier wird aus Gründen sprachlicher Vereinfachung meist von „Modernisierung“ im Sinne eines Oberbegriffs gesprochen.“ (Beck 1986: 25
12) , 13)
Beck 1986: 251
14) , 15) , 17) , 18)
ibid.: 254
16)
ibid.: 252
19)
ibid.: 14
20) , 21)
BMU 1997: 9
22)
ibid.: Vorwort
23)
vgl. UN GA 1989
24)
vgl. Löhr 2003
25)
vgl. BMU: 129
26)
vgl. Praxis Pflanzenschutz: 36ff.
27)
Das Institut für Bienenkunde wurde 2003 aus Geldmangel geschlossen. Prof. Kaatz lehrt jetzt am Institut für Zoologie der Universität Halle, Tel.: 0345 55 26 395.
28)
vgl. Rosset 1999
29)
vgl. BMU:183
30)
vgl. BMU:184
31)
ibid.: 196f., 205f.
32)
vgl. Vis-á-Vis Economy, Heft 3/2004: S.4
33)
Lafferty/Meadowcroft: 437