Er ist immer noch da: Reaktionen zur Dokumentation zum Judenhass in Europa

Der Erste zitiert Heinrich von Treitschke, die Zweite springt für die Öffentlich-Rechtlichen in die Bresche, der Dritte erkennt Juden den Bürgerstatus ab. Im Folgenden werde ich auf Beiträge von Arno Frank (Spiegel Online), Anja Reschke (NDR) und Matern Boeselager (Vice News) eingehen, die die von der Bildzeitung online gestellte Dokumentation »Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa« zum Thema haben. Den Beitrag des Spiegel Online-Kolumnisten Arno Frank betrachte ich etwas ausführlicher, weil er als einer der ersten erschienen ist, und anscheinend Matern Boeselager inspiriert hat.

Mit Spiegel Online ins antisemitische Minenfeld

»Mit Elan ins Minenfeld« überschreibt Arno Frank seine Rezension der von Arte in Auftrag gegebenen Dokumentation, und man weiß nicht so genau, wen er damit meint: die Filmemacher oder sich selbst. Die Bildzeitung, die den Film als erste veröffentlicht hat, hegt den Verdacht, dass »die Dokumentation deshalb nicht gezeigt wird, weil sie ein antisemitisches Weltbild in Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist«. Arno Frank kontert, und zwar unglücklich, um es wohlwollend zu formulieren:

»Womit unterstellt wäre, Arte und WDR hätten der Öffentlichkeit willentlich die sensationelle Selbsterkenntnis vorenthalten, dass die Öffentlichkeit antisemitisch ist.«

Dieser Satz lässt sich auf mehrere Arten verstehen, was in einer Diskussion wie dieser, nun ja, unglücklich ist. Einmal kann es als, eher beleidigt wirkende, trockene Ironie verstanden werden. Natürlich ist »die Öffentlichkeit« nicht antisemitisch; weder Film noch BILD behaupten das. Andererseits kann es als belustigte Feststellung des für Arno Frank bereits seit längerem Offensichtlichen gesehen werden: Na sicher ist »die Öffentlichkeit« antisemitisch. Eine klare Positionierung Franks, ohne die Hilfe eines Strohmanns, fehlt hier.

Martin Luther und christlicher Antisemitismus

Sarkastische Einwürfe der Autoren ob der Absurdität linker und protestantischer Verschwörungsideologien werden bei Frank zu »maliziösen Kommentaren«, Wertungen, derer es nicht bedurft hätte. So schreibt keiner, der ein sachliches Problem mit Joachim Schröders Dokumentation hat. Eher klingt so ein Abwehrreflex.

Was der Film behauptet und belegt, ist der Antisemitismus Martin Luthers und seiner heutigen Anhänger. Luther wäre nach heutigen Maßstäben ein Hassprediger gegen die Juden. Aus diesem Grund kann er auch problemlos von Julius Streicher, Herausgeber des judenfeindlichen Hetzblattes »Stürmer«, im Nürnberger Gerichtssaal als Kronzeuge präsentiert werden, eine der Eingangsszenen der Dokumentation. Protestanten wird diese Offenlegung, zumal im Luther-Jahr, ebenso wenig gefallen, wie der mit vor Betroffenheit triefender Stimme von Edelgard Meyer zu Uptrup von der Nichtregierungsorganisation (NRO) »Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel« (EAPPI) auf dem evangelischen Kirchentag vorgetragene Holocaustvergleich:

»Ja, das ist eine ganz große Belastung, sich zu sagen, eigentlich tun die [Juden, Anm.] was Ähnliches, was ihnen selbst widerfahren ist, durch dieses Hineinsteigern in die Opferpsyche.«

Frau Meyer zu Uptrup wird von Frank mit dem Adjektiv »wirr« belegt, und somit von ihrer Verantwortung freigesprochen. Wer »wirr« ist, weiß nicht was er sagt. Abgesehen davon, dass dieses Attribut der Frau, die im übrigen einen ganz und gar nicht wirren Eindruck machte, gegenüber unverschämt ist, interessiert es Arno Frank nicht, dass sie es eventuell genauso gemeint haben könnte. So redet man sich christlichen Antisemitismus schön.

Handwerkliche Fehler?

Die handwerklichen Fehler, die Frank gefunden haben will, stellen sich bei näherer Betrachtung als Nullnummern heraus. Wohl auch deshalb hat Arte in der Begründung ihrer Weigerung, den Film nicht zu senden, nur auf ein angeblich abweichendes Konzept rekurriert.

»Christliche Organisationen sollen Geld an die Hamas abgezweigt haben«, mit dem dann so mancher Prachtbau errichtet worden sein könnte. Das Geld dafür könne aber auch von den Saudis oder Emiratis gekommen sein, die betroffenen NROs seien nicht zu Wort gekommen, so der Vorwurf: »Wenn das kein handwerklicher Fehler ist, gibt es kein Handwerk«, empört sich Arno Frank.

Natürlich kann es sein, dass die Hamasgrößen ihre Prachtbauten und Terrortunnel Richtung Israel auch mit arabischem Geld finanziert haben. Dieser Vorwurf geht hier aber fehl. Erstens ist das Thema der Dokumentation »Judenhass in Europa«, nicht »Judenhass in den Golfstaaten«, so dass der Fokus notwendig auf europäischen Organisationen liegt. Zweitens, und das unterschlägt Arno Frank in seinem Anwurf, bezieht Filmemacher Schröder sich ausdrücklich auf das Beispiel der NRO »World Vision«, deren palästinensischer Projektleiter in Gaza Israel zufolge etwa 50 Millionen Euro für die Hamas abgezweigt hat.

Und genau hier liegt eines der Probleme, die der Film benennt: Es werden Milliardensummen an offizieller und privater Entwicklungshilfe nach Gaza überwiesen, ohne dass irgendjemand effektiv überprüfen könnte, was mit dem Geld passiert. Und weil das so ein gutes Geschäft, gerade auch für Entwicklungshilfeorganisationen wie »World Vision« ist, haben weder die NROs und schon gar nicht die Hamas ein Interesse an einer Aufklärung. So erklärt sich Joachim Schröders Antwort, er habe nicht erwartet, »dass diese Organisationen mir etwas Originelles dazu sagen können«: sie haben schlicht kein Interesse genau hinzuschauen, oder alte Fälle öffentlich aufzurollen. Und ist das Geld erst mal weg, lässt sich sowieso nicht mehr feststellen, wofür genau es verwendet wird. Arno Frank scheint dieser Kontext bei seiner Suche nach handwerklichen Fehlern des Filmes entgangen zu sein.

Weiter behauptet Frank »ausnahmslos alle Araber grins[t]en provokante Fragen orientalisch weg« oder gäben »unkommentiert entsetzlichen (eben: antisemitischen) Quark von sich«. Frank macht sich damit desselben Vergehens schuldig, dass er den Filmemachern ankreidet: Er begeht einen groben handwerklichen Fehler. Denn im besten Falle ist das das Eingeständnis den Film nur mit einem Auge gesehen zu haben. Im schlechteren ist es schlampige Arbeit, denn zwei Absätze vorher erwähnt er selbst »junge Palästinenser«, die »über das korrupte Regime einer Hamas« klagen. Im schlechtesten Fall aber ist eine schon böswillig zu nennende Unterstellung, der plumpe Versuch, den Filmautor mit einem Rassismus-Vorwurf zu diskreditieren.

Gerade die Äußerungen der jüngeren Araber bilden einen willkommenen Gegenpol zu den teils einstudiert wirkenden Anschuldigungen europäischer Anti-Zionisten und besorgter Christen. Die Schuld für die Misere in Gaza wird nicht allein im Ausland oder bei den Juden gesucht, sondern vor allem in der Korruption der eigenen, von der Terrormiliz Hamas geführten, Regierung.

Zum Schluss bleibt noch die Frage nach der überproportionalen Dichte von NROs in Gaza. Arno Frank wundert sich, von wem diese Aussage stammt. Das scheint willkürlich herausgegriffen, denn die Dokumentation zitiert eine ganze Reihe von Zahlen und Fakten, ohne jedes mal die Quelle zu nennen, was Frank aber offenbar nicht stört.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Weil Arno Frank keine handwerklichen Fehler findet, muss er sich eben einen anderen Weg ausdenken, wie er dem »philosemitischen Elan« Einhalt gebieten kann. Der Weg dazu führt über das Aufblasen von Petitessen bei der Personenbeschreibung.

»In seine Helden dagegen ist der Film so verliebt, dass er sie spürbar anschmachtet.«

So mokiert Frank sich darüber, dass »greise zionistische Untergrundkämpfer« als »Urgestein« und »Legende« »angeschmachtet« würden. Abgesehen davon, dass »Urgestein« und »Legende« nicht unbedingt nach Schmachten klingt: Schreibt Arno Frank über Martin Luther, dann hört sich da so an: der »Reformator als große[r] Aufklärer, der im Privaten sogar die weibliche Emanzipation beförderte«.

Auch wenn Frank diese Worte als »offizielle Erzählung« vorbringt, die nicht unbedingt seine Meinung darstellen muss: Warum kann das, was Frank recht ist, Schröder nicht billig sein? So wie für ihn Luther ein großer Aufklärer und Beförderer der weiblichen Emanzipation gewesen sein mag, so ist für andere Rafael Eitan, der Leiter der Mossad-Operation, die zur Verurteilung Adolf Eichmanns führte, eine Legende.

»Philosemitischer Elan«

Martin Luther schrieb um 1562:

»Ein solche verzweifeltes durch böstes, durch giftetes, durch teufeltes Ding ist´s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind.«

Der Leitsatz des Hetzblattes der deutschen Nazis, »Der Stürmer«, greift diese Verleumdung auf: »Die Juden sind unser Unglück«. Verfasst hat sie Heinrich von Treitschke 1879. Im dadurch entstandenen »Berliner Antisemitismusstreit« prägte Treitschke dann das Wort vom »philosemitischen Eifer« als Kampfbegriff deutscher Antisemiten gegen ihre nichtjüdischen Gegner.

Arno Frank verwendet es nun, knapp 150 Jahre später. Die Autoren des Films hätten »sich mit philosemitischem Elan in ein Minenfeld gestürzt - und die Minen sind alle hochgegangen«.

Abgesehen davon, dass die erwähnten Minen, die »alle hochgegangen« seien, sich allenfalls als Ziselmännchen entpuppten: Dass jemand einen erklärten Antisemiten des 19. Jahrhunderts bei Spiegel Online bemühen kann, um gegen eine Dokumentation zum Judenhass zu argumentieren, ist ein starkes Stück.

Vor allem ist es entlarvend. Denn es zeigt, wie tief antisemitische Ressentiments und Einstellungen in der deutschen Gesellschaft verankert sind, und wie wenig die Ansichten des eigenen Religionsstifters bei »Protestanten« reflektiert werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich dann die Frage: Wenn Judenhass im heutigen Europa nur mit »philosemitischem Elan« dokumentiert werden kann, welche Motivation steckt dann hinter einem Text wie dem von Arno Frank?

Anja Reschke – »Rächerin der Entrechteten«?

Am vorigen Mittwochabend meldete sich noch die Chefredakteurin der NDR-Formate »Panorama« und »Zapp«, Anja Reschke, zu Wort. Reschke kritisiert die Veröffentlichung durch die BILD als »frech«, fragt ironisch:

»Die Bildzeitung ist also der Rächer der Entrechteten, oder wie?«.

Das erstaunt aus mehreren Gründen.

Zum einen ist es arg geschmacklos, wenn nicht zynisch, die Entrechteten, und wenn ich Reschke hier richtig verstehe und es nicht eine weitere unglückliche Formulierung ist, sind damit Juden gemeint, in eine ironische Frage zu verpacken. Denn der Gegenstand des Films ist Antisemitismus, eine Obsession, die genau das zum Ziel hat: die Entrechtung der Juden.

Zum anderen hatten weder Filmautor Joachim Schröder noch Arte gegen die Veröffentlichung Einwände. Arte bezeichnete den Vorgang lediglich als »befremdlich«, begrüßte aber, dass das Publikum sich selbst ein Bild machen könne. Ob es eine Übereinkunft zwischen Arte und der Bildzeitung gibt, ist bisher nicht bekannt. Ist Reschke jetzt die »Rächerin der entrechteten Öffentlich-Rechtlichen«, die freilich von ihrer Entrechtung gar nichts wissen wollen?

Vice News

Bei Vice News ist man sich unsicher. Autor Matern Boeselager findet die Dokumentation zwar »absolut sehenswert«, hält sie aber für eine Ausstrahlung dennoch nicht geeignet. Und das begründet er so.

Der sarkastische Kommentar zur Holocaustrelativierung einer EAPPI-Mitarbeiterin wird, wie schon bei Spiegel Online-Kolumnist Arno Frank, als zu weitgehende Wertung empfunden. »Brot für die Welt« könne »kaum kontrollieren, was die Mitarbeiterin einer kleinen NGO an irgendeinem Stehtisch erzählt«. Das stimmt: »Brot für die Welt« kann in der Tat nicht kontrollieren, was die Mitarbeiterin einer kleinen NRO erzählt. Was »Brot für die Welt« aber sehr wohl kontrollieren kann ist, welche NROs sie fördern. Und wenn darunter eine ist wie EAPPI, die eine klar antisemitische Haltung vertritt, indem sie die BDS-Kampagne gegen Israel unterstützt und an der »Israel Apartheid Week« teilnimmt (warum die Bezeichnung Israels als »Apartheidsstaat« absurd ist und die Verbrechen des südafrikanischen Regimes verharmlost, erklärt hier ein Südafrikaner), dann trägt »Brot für die Welt« dafür Mitverantwortung.

Der zweite große Kritikpunkt ist der handwerkliche Fehler, ebenfalls von Arno Frank vorgedacht (siehe oben), nachdem den betreffenden NROs die Möglichkeit zur Stellungnahme hätte eingeräumt werden müssen. Boeselager sieht hier die journalistischen Maßstäbe der Öffentlich-Rechtlichen als verfehlt an. Warum er die Dokumentation dennoch als »absolut sehenswert« empfiehlt, sagt er nicht. Wenn sie nicht journalistischen Maßstäben entspricht, sollte man meinen, dass Boeselager davon abrät sie anzusehen. Wenn sie jedoch tatsächlich so sehenswert ist wie Boeselager sagt, dann ist unverständlich, warum sie nicht auch im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen gezeigt werden darf.

Wehrhafte Juden – in Europa unerwünscht

Wenn Juden in Europa sich gegen angreifende Muslime verteidigen, mithin »wehrhaft« sind, dann ist das für Matern Boeselager ein »markiges« und »schonungsloses« »Bürgerschreck-Statement«, das in »pro-israelischen Kreisen« zwar gut ankomme, »jede Gesprächsbereitschaft« aber gegen null sinken lasse.

Das ist eine extrem verstörende Aussage, gerade, wenn es um eine Dokumentation über Judenhass in Europa geht, und gerade, wenn es von einer sich links einordnenden Publikation wie »Vice« kommt.

Europa, das ist das Land der Shoa. Folgt man Boeselager, dann fühlten sich »die Bürger«, erschreckt, wenn sich Juden hier gegen Angreifer verteidigen.

Schlimmer noch, wer es wagt offen auszusprechen, dass sich selbstverteidigende Juden in Europa nicht gern gesehen sind, der versündigt sich gegen die Bürger, weil er sie nicht schont. So erklärt sich auch, warum die Gesprächsbereitschaft der Bürger gegenüber den Juden gegen null sinkt: Wer die Frechheit besitzt die Bürger mit einer schonungslosen Feststellung zu konfrontieren, mit dem braucht man auch nicht zu reden. Die Logik ist simpel: Wenn der »erschreckte Bürger« sich nicht mehr mit dem von Muslimen angegriffenen Juden unterhalten will, dann ist der Jude am Ende selbst Schuld, wenn er angegriffen wird und keiner ihm hilft: schließlich hat er die Bürger erschreckt.

Verfolgt man die Aussage weiter, dann muss es sich bei den »Bürgern« notwendig um Nicht-Juden handeln, denn diese Bürger werden ja von Juden erschreckt. Dass Juden sich vor sich selbst erschrecken ist erst mal nicht anzunehmen. Doch wer weiß.

Kein Bürgerstatus für europäische Juden

Im Vorbeigehen, und vermutlich ohne es zu merken, erkennt Boeselager europäischen Juden den Bürgerstatus ab. Deutlich wird das an der zweiten Aussage, nach der Sätze über die Wehrhaftigkeit europäischer Juden in »pro-israelischen Kreisen« besonders beliebt seien. Freilich hätte Boeselager auch in »pro-jüdischen Kreisen« schreiben können. Oder er hätte, wenn man diese triviale Feststellung schon aufschreiben muss, auch das »pro-« weglassen, und nur in »jüdischen Kreisen« schreiben können. Aber das tut er nicht. Er entscheidet sich dafür, europäische Juden nicht mehr mit Europa zu assoziieren oder ihnen das eigentlich selbstverständliche Recht auf Selbstverteidigung zuzugestehen. Juden gehören für ihn nach Israel, Israel und die Juden – das ist ein und dasselbe. Damit hat Boeselager nicht nur die Ausweisung der europäischen Juden im Geiste bereits vollzogen.

Sein Denken entspricht auch der Unterscheidung des Antisemitismusforschers Léon Poliakov:

»Der einzige Unterschied liegt in der Wortwahl: Rechte und rechtsradikale Sprecher referieren explizit auf Juden, linke und in der Mitte anzusiedelnde Personen benutzen die Wörter Zionisten, Israel und Israelis.«

Matern Boeselager macht aus seiner Motivation keinen Hehl: Für ihn ist das größte Problem, dass die »verdammte Bild-Zeitung ›mutiger‹ ist als Arte«. Er pflichtet Arte in deren Begründung bei, die Dokumentation habe mit Antisemitismus in Europa »nicht viel zu tun«, weil Länder »wie Norwegen, Schweden, Großbritannien, Ungarn und Griechenland« nicht darin vorkämen. Warum die Dokumentation den Bogen von Berliner Hamas- und Hitler-Sympathisanten links und rechts des politischen Spektrums, in den nahen Osten und dann in die Banlieus französischer Großstädte schlägt, hat Boeselager offensichtlich nicht verstanden. Für ihn ist das alles ein zu großer Wurf, im Ergebnis ein »wilder, wütender filmischer Essay«. Immerhin, um am Ende nicht als Spielverderber dazustehen, lobt er die Arbeit der Filmemacher als »außergewöhnlich«.

Schlussbemerkungen

Oberflächlich motiviert werden alle drei Beiträge von ihrer Gegnerschaft zur Bildzeitung. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass angestrengt versucht wird sachliche Gründe zu finden, die gegen eine Ausstrahlung sprechen, ohne gleichzeitig den Eindruck zu vermitteln, man argumentiere generell gegen eine Dokumentation über europäischen Judenhass. Dies gelingt nicht. Im Gegenteil, beide Publikationen, Spiegel und Vice, bestätigen ein Ergebnis der Dokumentation: Antisemitismus in Europa ist in den protestantischen und/oder sich eher links einordnenden Milieus, ob bewusst oder nicht kann dahingestellt bleiben, gut vertreten. Auf ihre Entdeckung durch den Film von Joachim Schröder reagieren sie in sich widersprüchlich, an anderen Stellen beleidigt. 

Nur Anja Reschke, die sich mit ihrer Fokussierung auf die Bildzeitung und deren Aneignung von gebührenfinanziertem Filmmaterial einen schlanken Fuß macht, ist fein 'raus: Sie kritisiert die BILD und muss dafür keine Stellung zum Thema beziehen, hat sich aber trotzdem geäußert.

Die Reaktionen auf die Dokumentation sind entlarvend, alleine deshalb danke ich BILD für die Veröffentlichung. Aber auch Arte und dem WDR gebührt Dank, denn ohne ihre Weigerung sie auszustrahlen, hätte es die Aufmerksamkeit nicht gegeben, die letztlich zu einer ehrlicheren Diskussion geführt hat. Sie wäre sicher anders verlaufen, wenn sie überhaupt zu Stande gekommen wäre, hätte Arte die Doku einfach ohne viel Aufhebens ausgestrahlt.

Schüsse ins Knie

Insofern haben sich die Öffentlich-Rechtlichen gleich mehrfach ins Knie geschossen: sie haben ihr eigenes Ansehen beschädigt, und die verantwortliche Redakteurin, die den Film abgenommen hat, öffentlich vorgeführt.

Sie haben die Integrität des Autorenteams, bestehend aus Sophie Hafner und Joachim Schröder, angezweifelt, und dann das eigentliche Ziel der Aktion, nämlich den Film nicht auszustrahlen, mindestens zur Hälfte verfehlt, denn die französische Fassung wird wohl tatsächlich nicht ausgestrahlt werden.

Sicherheitspolitische Einwände

Die Annahme, Arte habe die Dokumentation aus politischen Gründen nicht ausstrahlen wollen, sei »durchtrieben«, meint Spiegel-Kolumnist Arno Frank. Tatsächlich wäre das noch der plausibelste Grund für die Weigerung Artes, deren vorgebrachte Gründe den Film nicht zu senden Filmautor Joachim Schröder für »fadenscheinig« hält. Im Juni letzten Jahres befand der Leiter des französischen Inlandsnachrichtendienstes DGSI, Patrick Calvar, angesichts des islamistischen Terrors, Frankreich stehe »am Rande eines Bürgerkrieges«.

Eine weitere Provokation der muslimischen Bevölkerung, denn Teile dieser hätten den Film zweifelsohne als eine solche aufgefasst, hätte die Gefahr weiterer Terrorakte erhöht. Diese wiederum wären von den Ultrarechten genutzt worden: »Noch ein oder zwei weitere Attentate, und es passiert«, so Calvar weiter zur Gefahr eines Bürgerkrieges. Aufgrund der geringen Anzahl der in Deutschland lebenden Muslime verfangen solche Bedenken hier nicht. Hier käme lediglich die Angst vor einem weiteren Erstarken rechtsextremer Parteien wie der AfD in Betracht, deren gewaltbereite Klientel aber wohl eher nicht zu Artes Stammzuschauern gezählt werden kann.

Sicherheitspolitische Bedenken werden weder von WDR oder Arte, und auch nicht von Frank, Boeselager oder Reschke vorgebracht.

Die SPD und Israel

Spekulieren kann man auch, ob der Film nicht gezeigt werden sollte, weil er den jetzigen SPD-Spitzenkandidaten und damaligen Präsidenten des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz, in einem sehr ungünstigen Licht darstellt. Schulz gratuliert Palästinenseranführer Mahmud Abbas zu einer Rede, in der dieser eines der ältesten antisemitischen Propagandamotive vorträgt: Abbas wirft jüdischen Rabbinern vor, sie hätten die israelische Regierung aufgefordert palästinensische Brunnen zu vergiften.

Schulz geht später über die notwendigen diplomatischen Etikette hinaus und twittert, die Rede sei »inspirierend« gewesen.

»Inspiring address by Pres. #Abbas to #EPlenary - #EU supports aspiration by large majority of #Palestinians for peace and reconciliation«

– @EP_PresSchulz, 13:53 - 23. Juni 2016

Ein ähnliches Verhalten legt SPD-Außenminister Sigmar Gabriel an den Tag, dessen Ministerium kürzlich die israelische Politik gegenüber NROs mit der von China und Russland verglich, und der Israel faktenwidrig als »Apartheidregime« bezeichnete. Die Annahme ist also wenig plausibel, die SPD wolle die Position ihres Spitzenpersonals gegenüber Israel verschleiern, während sie gleichzeitig versucht mit »Israelkritik« das einbrechende Stimmenkonto zu füllen.

Kehrtwende der ARD

Die ARD hat sich nun doch dazu entschieden, den Film zu zeigen. Um 22:15. Im Anschluß soll es eine Diskussionsrunde geben. Es bleibt abzuwarten, ob mögliche politische Erwägungen, die zu der Entscheidung der Nicht-Ausstrahlung geführt haben, diskutiert werden.

Man kann der Bildzeitung vieles vorwerfen. Eines ist sicher nicht darunter: Dass sie ihrem Versprechen »das jüdische Volk und das Existenzrecht des Staates Israel« zu unterstützen nicht im Großen und Ganzen treu geblieben wäre. Spiegel, NDR und Vice News dagegen sollten sich überlegen, ob es ausgerechnet dieses Thema sein muss, bei dem sie ihre Gegnerschaft zur BILD demonstrieren.

Changelog

  • 21.06.: Absatz zu Sigmar Gabriel und SPD eingefügt
Anmelden