Aleppo: Jürgen Todenhöfers gefälschtes al-Nusra-Interview

Jürgen Todenhöfer behauptet, ein Interview mit einem al-Nusra-Kommandeur geführt zu haben. Seine Darstellung, sowie das Interview selbst, werfen jedoch Fragen auf, die an der Echtheit des Interviews zweifeln lassen.

Großes Interesse weckte das Interview Jürgen Todenhöfers mit einem vermeintlichen Kommandeur namens »Abu Al Ezz« der dschihadistischen al-Nusra Front, das Todenhöfer in einem Steinbruch bei Aleppo geführt haben will. Über 770.000 mal wurde es bei Facebook angeklickt. Insbesondere russische Medien berichteten, Russlands Außenminister Sergej Lavrov erwähnte es sogar in einem Telefonat mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Kerry.

»Lavrov called Kerry’s attention to the media revelations of Jebhat al-Nusra’s field commanders about external support, including the receipt of U.S. weapons [...]«.

Verwunderlich ist das nicht, stützt es doch das Narrativ Russlands und des syrischen Diktators Assad, wonach die USA und Israel das Assad-Regime mit Hilfe dschihadistischer Kräfte stürzen wollten. Zusätzlich nützlich für die russische Seite ist, dass das Interview kurz vor der Veröffentlichung des Berichts des Gemeinsamen Ermittlungsteams zum Abschuss von Flug MH17 durch russische Streitkräfte über der Ostukraine veröffentlicht wurde.

In Deutschland druckte der Kölner Stadtanzeiger Todenhöfers Text, der »Focus« berichtete unkritisch.

Zweifel an der Authentizität des Interviews

Inhaltliche, medien-strategische und die innere Organisation von »Jabhat al-Fatah al-Sham« betreffende Kritikpunkte wurden zum Teil von MENA-Watch und anderen benannt, teils auch nicht. Dazu gehören zum Beispiel Fragen wie: Warum gibt dieser »Kommandeur« den »Whistleblower«? Was ist seine Motivation? Und was sind die Konsequenzen für diese Illoyalität gegenüber der Führung? Warum sollte jemand, der von Todenhöfer selbst als bezahlter »Kriegsknecht«, also Söldner, bezeichnet wird, alles riskieren, seine Anstellung, sein Gehalt, und höchstwahrscheinlich sein Leben, indem er einem Westler ein Interview gibt? Und warum spricht der »Kommandeur« von »al-Nusra«, während diese sich vor einigen Wochen in »Jabhat al-Fatah al-Sham« umbenannt hat?

Todenhöfer reagierte pikiert in einem am 28.09. veröffentlichten »Konter« auf seine Kritiker. Sie würden »der politischen Führung von Terroristen mehr glauben als« ihm. Das allein wirft schon die Frage auf, warum »wir« den Repräsentanten einer Organisation nicht glauben sollten, die er ganz offensichtlich für glaubwürdig hält. Zumal sein Gegenüber ein Söldner ist, also jemand der für Geld sein Leben und seine Gesundheit riskiert. Wer für Geld sein Leben auf's Spiel setzt, der wird noch viel bereitwilliger für Geld lügen. Wer garantiert, dass Todenhöfer oder eine andere interessierte Partei »Abu Al Ezz« nicht bezahlt haben, oder dass er gleich ein Agent des syrischen Geheimdienstes ist? Gute Beziehungen zum Assad-Regime pflegt Todenhöfer jedenfalls schon seit mehreren Jahren.

»Wir haben das Interview in Wirklichkeit bei Khan Tuman aufgenommen«

Abgesehen von den inhaltlichen Ungereimtheiten ist das größte Problem für Todenhöfers Darstellung der Ort, an dem das Interview stattgefunden haben soll. Im Text zum Video spricht er vom »Niemandsland zwischen den Fronten«. Nun weiß Todenhöfer, der vorgab, »praktisch alles« über seinen Gesprächspartner zu wissen, offenbar nicht einmal mehr, wo das Interview stattgefunden hat. Vor einigen Stunden änderte er still und leise den Text seiner Replik.

Hatte er am Tag zuvor noch, in Widerspruch zu seinem Interviewgast, behauptet, das Interview sei in einem Steinbruch bei Khan Tuman geführt worden, heißt es nun, dass es »im Augenblick unklar« sei, wo der Steinbruch liege. Das Interview habe zwar im »Niemandsland zwischen den Fronten«, trotzdem aber »hinter den Linien der syrischen Armee« stattgefunden.

Wie soll das gehen? Entweder man befindet sich »zwischen den Fronten«, also vor den jeweiligen Linien, und damit auf niemandes Territorium, oder man befindet sich hinter einer Linie, in diesem Fall hinter der der syrischen Armee, und damit auf vom Assad-Regime kontrollierten Gebiet. Todenhöfer gibt also nun zu, dass das Interview auf Regime-Gebiet geführt wurde.

Er fährt fort, dass dies im Übrigen irrelevant sei, denn zum Zeitpunkt des Interviews, also dem 16. September (Todenhöfer hatte das Interview am 26. September bei Facebook gepostet und geschrieben, er habe es vor 10 Tagen, also dem 16.09.2016, geführt), befänden sich beide Steinbrüche »nicht im von der Regierung kontrollierten Gebiet«. Woher er dann weiß, dass er sich »hinter den Linien der syrischen Armee« aufhielt, sagt er nicht.

Abu Al Ezz: »Wir sind hier auf der vordersten Beobachtungsstation im Gebiet ›Scheikh Said‹ [...] Hinter den Häusern und in Al Majbal sind die Regime-Soldaten.«

Gut, solche Behauptungen zum Frontverlauf lassen sich überprüfen. Über den von Todenhöfer selbst genannten Steinbruch bei Khan Tuman gibt es gegensätzliche Aussagen. Eine Karte sieht ihn am 07.09. in der Hand des Regimes, eine andere, datiert auf den 08.09. und erstellt von einem pro-Assad-Account, sieht ihn knapp auf Rebellengebiet. Ob dies am 16.09. ebenfalls noch der Fall war, lässt sich schwer nachprüfen, man könnte dieses Gebiet mit einigem Wohlwollen durchaus als Niemandsland bezeichnen.

Da Todenhöfer aber zurückrudert, fällt das Augenmerk auf den zweiten Steinbruch in Sheikh Saeed. Und zu diesem Steinbruch, dem, den Todenhöfers Gast im Interview nennt und auf den auch die Ortsbestimmung des Redditors hinweist, der zuerst die Geolokalisierung vorgenommen hat, gibt es keine gegensätzlichen Aussagen (siehe Bild unten). Dieser Steinbruch lag übereinstimmend am 16.09. im vom syrischen Regime und seinen Alliierten kontrollierten Gebiet.

Frontverlauf in Aleppo, 7./8.09.16. Links: Steinbruch von Khan Tuman vom Regime kontrolliert (@ArtRosinski); rechts von Rebellen (@petolucem).

 

Wenn Todenhöfer also behauptet beide Steinbrüche lägen in nicht vom Assad-Regime kontrollierten Gebiet, ist das eine klare Falschaussage. Warum ihm erst durch den Hinweis des Islamwissenschaftlers und Bloggers Fabian Schmidmeier auffiel, dass seine Ortsangabe der seines Interviewpartners widersprach, ist eine weitere offene Frage.

In der letzten Sequenz des Videos wird die Abfahrt aus dem Steinbruch gezeigt. Der Weg führt über eine staubige Piste, im Hintergrund sind einige Gebäude und etwas, das wie eine Antenne aussieht, erkennbar. Beide Punkte, die unbefestigte Straße und die baulichen Strukturen, finden sich in der Nähe des Steinbruchs in Sheikh Saeed (siehe Screenshots unten, Nahaufnahme der Gebäude). Die Straßen zum Steinbruch von Khan Tuman sind asphaltiert, die genannten Strukturen fehlen komplett.

Gebäude nahe des Steinbruchs in Sheikh Saeed aus dem Video und auf der Karte

 

Der Steinbruch im Gebiet von Sheikh Saeed erscheint auch aus einem anderen Punkt plausibel. Todenhöfers Interviewpartner erklärt gestikulierend: »Hinter den Häusern und in Al Majbal sind die Regime-Soldaten«. »Al-Majbal« liegt im Norden Aleppos, in der Nähe des Zentralgefängnisses. Es erscheint unlogisch für einen mit den Örtlichkeiten bekannten Kämpfer von einem Steinbruch in einem Vorort im äußersten Süden der Stadt in Richtung des Gefängnisses zu deuten, ganz so, als befände sich al-Majbal in der Nähe, während das Regime und verbündete Milizen gerade wesentlich näher gelegene Gebiete im Vorort Ramousah zurückerobert haben. Warum gilt die Besorgnis »Abu Al Ezzs« nicht diesen Gebieten, hat etwa auch er die Orientierung verloren?

Todenhöfer sagt die Unwahrheit

Todenhöfer sagt die Unwahrheit, und diesmal ohne Zweifel absichtlich, denn er hatte die Möglichkeit seine vorherigen Äusserungen zu überdenken, zu überprüfen, und mit von ihm versprochenen weiteren Videomaterial zu belegen. Statt die Kritik zu widerlegen, verstrickt er sich in Widersprüche, geht dann zum Angriff über, und verunglimpft Kritiker als »Computer-Helden«, die ihren »Arsch unter großen Risiken in die Kriegsgebiete bewegen« sollten, ansonsten seien sie »dilettantisch und unverantwortlich«.

Warum er das tut, ob aus Komplizenschaft mit dem Assad-Regime oder aus gekränkter Eitelkeit, weil er nicht zugeben will, getäuscht worden zu sein, sei dahingestellt. Wenn Todenhöfer aber schon über die Umstände und den Ort des Interviews lügt, plötzlich unter Gedächtnisverlust leidet, wie glaubwürdig ist dann sein Informant?


Changelog

30.09.: Punkt zu »hinter den feindlichen Linien« ergänzt, der mir erst später auffiel

01.10.: fixed Typos

 

Anmelden