Peak Wikileaks

Mit den sogenannten »Erdogan-eMails« wollte Wikileaks im Kielwasser des gescheiterten Türkei-Putsches einen eigenen Coup landen. Doch das ging gründlich in die Hose, denn von Erdogan selbst oder seinem inneren Zirkel waren gar keine Mails dabei. Bisher sind keine Details aus diesem eMail-Dump aufgetaucht, die für Leute in Machtpositionen in der Türkei gefährlich werden könnten.

Dazu verbreitet die ehemalige Enthüllungsplattform einen Link zu einer Datenbank, die die Namen und Anschriften wahlberechtigter türkischer Frauen aus 79 der 81 türkischen Wahlbezirke enthielt, inklusive der Information, ob sie AKP-Mitglied sind oder nicht, teilweise auch mit Mobiltelefonnummer. Zurecht wies daraufhin die Professorin und Journalistin Zeynep Tufekci auf mögliche Konsequenzen für die Frauen hin, nach wie vor werden in der Türkei hunderte Frauen jedes Jahr ermordet, tausende verstecken sich vor ihren Familien, Ex-Freunden oder Ehemännern, und konfrontierte Wikileaks. Diese wiederum reagierten äusserst unsouverän und blockten Tufekci kurzerhand bei Twitter.

So, that's ... awkward. Do people regularly manage to get blocked by WL, or am I to take this as some kind of sign?

– @zeynep, 25.07.2016

Der Sicherheitsexperte, der sich Zugang zur internen AKP-Infrastruktur verschaffen konnte, ist als Phineas Fisher bekannt geworden. Unter anderem zeichnet er für die Hacks der Hersteller von Überwachusngssoftware, der deutsch-britischen Gamma Group International und des italienischen Hacking Teams, verantwortlich. Fisher wollte seinen Zugang zum AKP-Netz dazu nutzen, die Kurden zu unterstützen, die momentan von Erdogans Türkei im eigenen Land bekämpft werden. Offenbar gab es Kommunikationsschwierigkeiten die dazu führten, dass Wikileaks einen Teil des von Fisher befreiten Materials in die Hände bekam. Zwar wurde Wikileaks gebeten mit der Veröffentlichung zu warten, aber der Putschversuch war dann doch wohl eine zu verlockende Chance für eine Enthüllungsplattform, die keine Enthüllungen mehr zu bieten hat, um sie verstreichen zu lassen.

Nachdem jedoch Wikileaks vorgeprescht war, entschied sich Fisher auch den Rest zu veröffentlichen. Der Analyst Michael Best lud diese Daten bei der Plattform archive.org hoch, und verschickte den Link dazu via Twitter. Wikileaks, mit immerhin 3,3 Millionen Followern kein kleiner Account, verbreitete den Link ebenfalls ungeprüft und brachte damit etwa 20 Millionen Datensätze türkischer Frauen in Umlauf. Das Archiv wurde mittlerweile entfernt, Best entschuldigte sich für den Fehler.

Wikileaks dagegen wehrt sich nur gegen den Vorwurf, die Datensätze selbst hochgeladen zu haben. Für die Verbreitung persönlicher, für die Öffentlichkeit völlig irrelevanter Informationen, fehlt eine Entschuldigung nach wie vor. Im Gegenteil, der Account verteidigt die Veröffentlichung persönlicher Daten damit, dass »die Idee AKP-Mitglieder seien eine gefährdete Gruppe absurd« sei. Offenbar hat der Benutzer des Wikileaks-Accounts die Kritik nicht verstanden oder nicht gelesen, oder beides. Oder Assanges Anwälte haben recht, und seine geistige Gesundheit ist mittlerweile beeinträchtigt.

Also the idea tthat a list of AKP members--Erdogan's ruling party--is a vulnerable group is absurd.

– @Wikileaks, 27.07.2016

Dasselbe gilt auch für das sogenannte DNCLeak. Ein Hacker mit dem Namen »Guccifer 2.0« war in die Server des Nationalen Komitees der US-Demokraten eingedrungen, und hatte zahlreiche Dokumente entwendet, darunter persönliche Daten von Spendern oder potentiellen Spendern, inklusive Sozialversicherungsnummern, Telefonnummern und Anschriften. Ein Fest für Identitätsdiebe. Eine Antwort auf die Frage, warum diese Informationen in die Weltöffentlichkeit gehören blieb Wikileaks ebenso schuldig wie eine Entschuldigung oder gar die Rücknahme der Veröffentlichung.

Das Verhalten gegenüber Journalisten wie Zeynep Tufekci scheint dabei kein Einzelfall zu sein. Kurze Zeit nach diesem Austausch versuchte Wikileaks Charlie Savage von der New York Times zu einer Änderung einer Überschrift zu zwingen. Savage ließ sich nicht einschüchtern, änderte die Überschrift aber trotzdem, von: »Assange Timed WikiLeaks Release of Democratic Emails to Harm Hillary Clinton« zu »Assange, Avowed Foe of Clinton, Timed Email Release for Democratic Convention«.

 

Charlie Savage ändert Überschrift zu Wikileaks-Artikel

Dazu kommen immer mal wieder Ausfälle, wie dem am letzten Wochenende, als der Wikileaks-Twitteraccount hinter Kritikern der Plattform eine Verschwörung vermutete, deren Erkennunsgzeichen drei Rundklammern um den eigenen Namen und Brillen mit schwarzen Rändern sind. Offenbar in Unkenntnis über die Bedeutung der Rundklammern wurde dieser Tweet schnell gelöscht, der anti-semitische Anklang war zu offensichtlich.

Wikileaks: Tribalist Symbol of Critics?

Anstatt die Sache auf sich beruhen zu lassen, legte der Account wenig später mit einem weiteren Tweet zu besagten Rundklammern nach, indem er versuchte, die Nutzung der Rundklammern als Aneignung einer anti-semitischen Geste in eine Verschwörung von Establishment-Aufsteigern umzudeuten. Abgesehen von einem Rechtschreibfehler und dem Fehlen einer Klammer sah das doch arg bemüht nach Schadensbegrenzung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Ausgangsbehauptung, Verschwörung des Establishments, aus. Müßig zu erwähnen, dass auch dieser Tweet wenig später gelöscht wurde.

Wikileaks: Tribalist designator for establishment climbers?

Wer hat die Kontrolle über den Wikileaks-Account?

Die oben genannten verschwörungstheoretischen Anwandlungen passen gut zu einer narzisstischen Persönlichkeit, wie die von Gründer Julian Assange, der während der Jahre in seinem Versteck in der ecuadorianischen Botschaft in London sicherlich Zeit genug hatte, paranoid zu werden. Die Wahrheit ist aber wohl einfach, dass die Zeit von Wikielaks vorbei ist. Die größeren Leaks und Scoops kommen mittlerweile von professionellen Journalisten, die in Rechercheverbänden zusammengeschlossen nicht nur brisantes Material zu Tage fördern, sondern es eben auch bewerten und einordnen, und damit einer breiteren Öffentlichkeit erst wirklich zugänglich machen. Für jemanden wie Assange muss dieser Bedeutungsverlust schmerzlich sein, und führt dann zu paranoiden Ausfällen wie dem oben beschriebenen.

Wenn er denn tatsächlich noch Nutzer dieses Accounts ist. Sehr viele Tweets des Accounts sind vorgefertigt in einem Versuch, die Sichtweise von Wikileaks/der russischen Föderation beispielsweise zu einem Artikel der Journalistin Zeynep Tufekci unter's Volk zu bringen. Ob Assange diese langweilige Aufgabe selbst übernimmt darf bezweifelt werden.

We have not disclosed whether our sources for #DNCLeak were hackers, employees, consultants, management or ebay.

– @Wikileaks, 25.07.2016

Wikileaks versucht ausserdem konstant von der Tatsache abzulenken, dass Guccifer 2, der mittlerweile recht eindeutig den russischen Geheimdiensten zugeordnet werden kann, bereits vor über einem Monat klarstellte, dass er gedenke die Ausbeute des DNC Hacks an Wikileaks zu übergeben.

Die Quelle der Mails ist damit eindeutig identifiziert, warum bemüht sich Wikileaks dennoch die Herkunft zu verschleiern? Aus einem einfachen Grund: noch zehrt Wikileaks vom Nimbus der furchtlosen Whistleblowerorganisation, die es mit den Mächtigen der Welt aufnimmt. Daran ändert auch die persönliche Feindschaft Assanges gegenüber Hillary Clinton, die ihn anklagen möchte, erst einmal nichts. Dass Wikileaks nunmehr zu einem bloßen Handlanger Wladimir Putins in seiner Desinformationskampagne gegen den Westen degradiert ist, würde diesen Ruf allerdings zerstören. Und damit, nebenbei, die Nützlichkeit Assanges für Putin, der Kremlchef könnte Assange die Gunst entziehen, womit seine Tage im Versteck der ecuadorianischen Botschaft in London wohl gezählt wären, und er sich dem Verfahren wegen Vergewaltigung in Schweden stellen müsste.

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